GEISTERZUG IM WATTENMEER
LESEPROBE
Das Dorf bei Ebbe
Bei Ebbe zeigte sich das Dorf anders, ehrlicher als an anderen Tagen. Das Wasser zog sich zurück und legte frei, was sonst verborgen blieb, und mit ihm schien auch der Ort weniger bereit, sich zu verstellen. Wege wurden sichtbar, die man bei Flut nur ahnte. Pfähle ragten aus dem Schlick, schief und unbeweglich, sie hatten ihre Position längst gefunden und beschlossen, genau so zu bleiben.
Marit war bereits nach draußen gegangen.
Der Wind war schwächer als am Morgen, aber er hatte nicht aufgehört, sondern nur seine Richtung verändert. Jetzt kam er seitlich, strich an den Häusern entlang, fuhr durch die Gassen und trug Geräusche mit sich, die sonst liegen geblieben wären: eine Tür, die geöffnet wurde, ein einzelner Schritt auf Kies.
Das Dorf war bereits wach. Ein Mann fegte den Bürgersteig vor seinem Haus, obwohl kaum etwas darauf lag. Er arbeitete ruhig, Strich für Strich, und hielt die Ordnung auf eine Weise, die nicht streng wirkte, sondern selbstverständlich.
Als Marit vorbeiging, sah er kurz auf und nickte. Kein Lächeln, keine Abweisung. Nur ein leichtes Nicken.
Marit erwiderte es und ging weiter. Sie spürte, wie sich ihre Schritte anpassten. Nicht langsamer, nicht schneller, nur gleichmäßiger.
Hier schien alles seinen eigenen Rhythmus zu haben, und man tat gut daran, sich ihm nicht entgegenzustellen.
Die Häuser standen dicht genug, um Schutz zu bieten, aber weit genug auseinander, um nicht neugierig zu sein. Einige Fenster waren geöffnet, obwohl es kühl war. In einem hing eine Gardine, die sich kaum bewegte.
Auf einer Fensterbank standen drei Tassen, ordentlich nebeneinander. Sie wirkten unberührt, als warteten sie auf etwas, das noch nicht begonnen hatte.
Ebbe machte das Dorf größer.
Während die Flut das Meer bis an die Kanten rückte, entstand jetzt ein Raum aus Grau und Braun, aus feuchten Flächen und flachen Linien. Das Watt lag da wie ein Gedanke, den man nicht zu Ende dachte.
Marit blieb stehen und sah hinaus. Sie hatte vergessen, wie sehr sich Weite auf den Körper auswirken konnte. In der Stadt war sie ein Konzept, ein Ort, ein Blick von oben. Hier war sie einfach da. Sie drängte nicht und sie zog nicht, sie war nur vorhanden.
Ein schmaler Pfad führte hinunter Richtung Watt. Er war nicht ausgeschildert, aber oft genug gegangen, um sich durchgesetzt zu haben. Marit folgte ihm ein Stück. Der Boden wurde weicher und gab bei jedem Schritt leicht nach, nicht unsicher, aber bereits spürbar. Er nahm jeden Schritt an und hielt ihn einen Augenblick fest, bevor er ihn wieder frei gab.
Vor ihr lag das Watt offen. Kein Geräusch außer dem Wind und dem leisen, unregelmäßigen Knacken des Schlicks, der sich setzte. Weit draußen bewegte sich etwas, kaum sichtbar. Vielleicht ein Vogel. Vielleicht nur eine Täuschung des Lichts.
Marit atmete ein. Die Luft war dichter hier unten, schwerer, voller Salz.
Sie setzte sich nicht nur auf die Haut.
Marit machte einen kleinen Schritt nach vorn, fast unmerklich. Sie prüfte, ob der Weg weiterging. Dann blieb sie noch einmal stehen. Es war kein bewusster Entschluss, eher ein Gefühl, das sie zurückhielt.
Sie ging nicht weiter hinaus.
Marit drehte sich langsam herum.
Von hier aus wirkte alles kleiner. Nicht schwächer, nur konzentrierter. Es zeigte nur noch, was notwendig war und alles Überflüssige war mit dem Wasser gegangen.
Kurz darauf ging Marit zurück auf den festen Weg und weiter ins Dorf.
Sie dachte an die Zeit, als sie gegangen war. Damals hatte sie geglaubt, sie müsse weg, um größer zu werden. Um zu lernen. Um nicht stehen zu bleiben wie die Pfähle im Schlick. Sie hatte das Dorf im Rückspiegel kleiner werden sehen und es für ein Zeichen gehalten.
Nun fragte sie sich, ob Größe wirklich eine Frage der Entfernung war. Oder ob sie nur davon abhing, wie lange man blieb.
An einer kleinen Bäckerei blieb sie kurz stehen. Das Schaufenster war beschlagen, dahinter lagen Brote in ruhigen Reihen, dunkel und hell, nichts Besonderes, nichts Aufgesetztes.
Ein Zettel an der Tür kündigte an, dass es ab morgen wieder Fischbrötchen geben würde. Darunter stand, fast wie eine Begründung: Ebbe.
Marit lächelte kurz, ohne genau zu wissen, warum, dann ging weiter.
Der Platz lag still. Ein paar Bänke, ein niedriger Baum, vom Wind geformt. Hier hatten sie früher gesessen, mit zu großen Jacken und zu vielen Gedanken. Sie hatten über das Weggehen gesprochen, als wäre es für jeden eine Möglichkeit.
Jetzt war niemand mehr da.
Nur eine Krähe hüpfte über den Platz, suchte etwas im Boden, fand offenbar nichts und flog weiter. Für einen Augenblick blieb Bewegung in der Luft zurück, dann war alles wieder ruhig.
Marit setzte sich auf eine der Bänke. Das Holz war kalt. Sie legte die Hände auf die Oberschenkel und spürte die Kälte durch den Stoff. Erinnerungen kamen, ohne sich anzukündigen: ein Sommerabend, ein Lachen, das sie nicht mehr zuordnen konnte, ein Geräusch in der Ferne – der Zug.
Sie hatte nicht bewusst daran denken wollen. Und doch war es da, wie ein leiser Unterton, der nie ganz verschwand.
Ein Windstoß strich über den Platz. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, etwas zu hören. Kein klares Geräusch, eine Verschiebung in der Stille, etwas, das nicht ganz hier war und doch nicht ganz weg.
Sie hob den Kopf.
Nichts.
Nur der Baum, der sich leicht bewegte.
„Der kommt heute nicht“, sagte plötzlich eine Stimme.
Marit sah auf. Neben der Bank stand eine ältere Frau mit einem Korb am Arm. Ihr Blick ging nicht zum Meer, sondern in eine andere Richtung, dorthin, wo die Schienen lagen, verborgen hinter Häusern und Wegen.
„Der Zug“, fügte die Frau hinzu und machte eine kurze Pause. „Bei Ebbe schon gar nicht.“
Marit sagte nichts. Sie wusste nicht, was sie hätte sagen sollen.
Die Frau nickte, die Antwort war genug, dann ging sie weiter. Der Korb schwang ruhig mit ihrem Schritt, bis sie hinter einem der Häuser verschwand.
Aber der Satz blieb.
Bei Ebbe schon gar nicht.
Marit saß noch einen Moment.
Es gab Zeiten, da kam er.
Sein Kommen folgte keinen Gleisen und keinen Fahrplänen. Zumindest hatte man es sich früher so erzählt.
Marit stand wieder auf.
Der Platz wirkte leerer als zuvor, oder vielleicht fiel es ihr erst jetzt auf.
Als sie weiterging, achtete sie auf die Geräusche. Auf das, was da war. Und auf das, was dazwischen lag. Ein Fenster wurde geschlossen. Ein Hund bellte kurz, dann nicht mehr.
Und dann kam dieses Gefühl.
Etwas bewegte sich.
Es war nicht sichtbar.
Sie ging langsamer, ohne es bewusst zu entscheiden.
Am Ende der Straße blieb sie noch einmal stehen. Von hier aus konnte man die Schienen sehen. Nur ein kleines Stück, aber gerade genug, um zu wissen, dass sie da waren.
Sie lagen still. Kein Glanz, keine Bewegung.
Und doch wirkten sie voller Geschichten.
Marit trat einen Schritt näher. Der Wind legte sich kurz.
In dieser Stille war es wieder da.
Das Geräusch, an das sie sich von früher erinnerte, das ihnen als Kinder unheimlich gewesen war.
Die Erwachsenen hatten damals viele Mythen darüber erzählt.
Ein leises, fernes Rollen. So schwach, dass es kaum mehr war als eine Ahnung. Und doch zu deutlich, um es ganz zu überhören.
Marit hielt den Atem an.
Das Geräusch blieb einen Augenblick.
Dann verschwand es.
Sie stand still und wusste nicht, ob sie es wirklich gehört hatte.
Oder ob es, wie zuvor, nur die Erinnerung war, die sich einen Klang suchte.
Marit spürte, dass es ihr jetzt nicht mehr egal war. Früher, mit ihren Freunden, war es anders gewesen.
Das Dorf lag ruhig hinter ihr, das Watt offen vor ihr. Dazwischen lag etwas, das sich nicht zeigte.
Als sie zurückging, war sie nicht mehr ganz dieselbe wie am Morgen. Etwas in ihr hatte sich verändert, leise, kaum merklich, und doch spürbar.
Der Wind begleitete sie.
Und tief unter dem offenen Land lag etwas, das auf sie wartete.
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